Die Corona-Grätsche

Wie in St. Exupérys Erzählung vom kleinen Prinzen ist der Mensch in der Begegnung mit Covid-19 einer Erfahrung ausgesetzt, die ihn verstört und zu einer Entscheidung zwingt: Entweder erkennt er an, dass gerade das ihm Wichtigste auf Unverfügbarkeiten gebaut ist, oder er lehnt eine solche Realität sich selbst verleugnend ab.

Wirklichkeit als Totale und perspektivisches Aufgehobensein
Werner Mikus

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Das Malheur: Begegnung mit der Virenwelt
Eine Analogie hierzu ist die Erfahrung der wie aus dem Nichts auftauchenden Virusbedrohung für uns Menschen: Unsere perspektivisch ausgerichtete Welt wird von einem Gegenprinzip getroffen. Es ist das Prinzip einer überordnungsfreien multiperspektivischen Wirklichkeit. Plötzlich stehen wir einer Bedrohung gegenüber, die wir nicht in erster Linie selbst „verbrochen“ haben (mangelnde Achtsamkeit etwa). Viren bilden eine eigene Wirklichkeit, für die der Mensch von eher peripherer Bedeutung ist. So sind sie z.B. besonders für das Plankton der Meere von Bedeutung und in weit umfassenderen Zusammenhängen engagiert als in der Besiedelung der menschlichen Spezies.

Verwechslungsgefahr
Die Begegnung mit dem Virus ist nicht das Ergebnis einer Verkehrung unseres besonderen Tuns, also unseres Umgangs mit der Natur etwa (auch wenn es hier mit Sicherheit die schlimmsten Verfehlungen anzumerken gibt), vielmehr zeigt sich in der Begegnung mit dem Virus eine Verkehrung des Prinzips perspektivischer Ausgerichtetheit schlechthin. Wir bekommen zu spüren, dass da noch ein anderes Organisationsprinzip existiert und Macht bekommen kann. Allerdings macht doch grade das Prinzip des perspektivischen Aufgehobenseins unser menschliches Wesen aus!

Ein Ja zu unserer Wirklichkeit
Wie dem kleinen Prinzen sollte uns nach dem Schock folgendes klarwerden: Das perspektivische Aufgehobensein der Dinge müssen wir weiterhin lieben und uns darauf auch weiterhin liebevoll fokussieren. Das geht aber nur, wenn wir den Einspruch eines Teils unserer Wirklichkeit akzeptieren, der uns eine prinzipielle Unverfügbarkeit zumutet und einen auf das Ganze vertrauenden Umgang von uns verlangt. Die Geschichten, in denen wir existieren, organisieren sich eben (ob wir es wollen oder nicht) nach dem Prinzip einer überordnungsfreien multiperspektivischen Wirklichkeit und grätschen so hin und wieder in unser perspektivisches Aufgehobensein hinein – ohne dass wir prinzipiell daran etwas ändern können. Eine Psychologie unserer Zeit wird dazu Ja sagen müssen und mit ihrem Bildverstehen etwas zu einer lebendigeren und intensiveren Wirklichkeitserfahrung beitragen.

 

Bildquellen

  • corona-2021: Werner Mikus

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