Immer die alten Gelehrten

Warum werden immer die alten Gelehrten herangezogen? Warum wird so gerne zitiert, was jemand vor langer Zeit schon schrieb? Und warum kommt das so gerne wie eine Ohrfeige herüber?

Gibt es den Mut zum eigenen Denken?
Bärbel Altwicker

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Die Fähigkeit, selbstständig denken zu können oder dies zu wollen, scheinen viele Menschen einfach abgeben zu wollen. Und so kommt es nicht selten vor, dass in einer Runde etwas geschrieben wird, dass nicht gleich so richtig verstanden wird, und dann hagelt es Fragen, wie man denn nur auf eine solche Idee komme könne, oder es wird mit den Erkenntnissen alter Philosophen, Wissenschaftler und sonstiger Gelehrter aufgewartet. Alles sei doch hier und da schon gedacht und aufgeschrieben worden, und Unsinn, hier wie etwas Neues in die Diskussion geworfen zu werden!

Natürlich! Klar. Und es ist unser Glück, auf Gedanken und Erkenntnisse, die schon längst da sind, zurückgreifen zu können. Das möchte ich auch nicht missen. Dennoch, es ist doch wie in einer Familie: Die Alten haben schon viel erlebt und gesehen. Und sie erzählen. Das stützt mich und gibt mir Boden. Aber wenn ich hingehe und mein Leben nur als ein Anhängsel des Lebens meiner Vorfahren sehe, dann bin ich nicht im Hier und Jetzt. Dann bleibe ich im Alten verhaftet. Ich bleibe angekettet!

Und das ist es, was ich mir so sehr wünsche: Eine Freiheit zu haben, selbst hinzuschauen, sich in die Verworrenheiten von Überlegungen zu begeben und dort zu graben und zu tüfteln. Selbst, nicht vorgekaut, zu verdauen. Die Welt mit eigenen Augen zu beschauen und ja, auch mit eigenen Augen zu befragen, zu beschreiben und zu bewerten. Und ganz ehrlich, da mag Aristoteles gesagt haben (und ich zitiere auch): „Denken und Sein werden vom Widerspruch bestimmt.“ Das gefällt mir gut. Ich möchte aber mehr. Ich möchte, dass wir an der Stelle z.B. hinschauen und uns fragen, wirklich fragen: Was meint er? Was meine ich?
Ich wünsche mir den Mut, das Denken mit eigenen Worten ausdrücken zu können! Ich wünsche mir mehr Freiheit, so dass sich ein eigenes Denken entwickeln, äußern, erproben und neugierig bleiben kann.

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