Lebendigkeit und seelischer Reichtum

Wenn es um Bedeutungen geht, stellt sich schnell eine Umkehr in der logischen Reihenfolge ein: Nicht das zeitlich Erste bringt das Zweite hervor. Es läuft umgekehrt: Das Zweite gibt dem Ersten seinen Sinn und bringt es als Bedeutungelement so erst hervor! Dieser Blick auf die Dinge birgt ein großes Potenzial für unsere Lebendigkeit und für die Entwicklung eines seelischen Reichtums.

Von einer kontrollierenden zu einer nachschaffenden Haltung
Werner Mikus

Unsere Zeit ist geprägt von einer kontrollierenden Haltung, die nach Kausalitäten und Determinationen sucht, um diese beeinflussen und kontrollieren zu können. Wie sähe eine Zukunft aus, in der unsere Tun in etwa sagen würde: „Lasset den Zufall zu mir kommen, ich brate ihn mir noch allemal in meiner Pfanne zurecht.“ Sie würde sich dem seelischen Reichtum mit seinen ungeheuerlichen Möglichkeiten stellen und nicht versuchen, sich von den darin enthaltenden Gefahren freizukaufen.

Zwei Modi und ein Dilemma

Manchmal wollen die Dinge im „Erledigungsmodus“ behandelt werden und ein anderes Mal wie in einem Labor hin- und hergedreht werden, also in den Labormodus hinein. In dem einen Fall ist das Fertigbringen einer Sache bestimmend, im anderen ist es die Entfesselung der tragenden und ins Ganze hineinspielenden Zusammenhänge. Bei genauem Hinschauen sehen wir aber immer: Ein kontrolliertes Umschalten von dem einen in den anderen Modus gelingt nicht, es kann prinzipiell nicht gelingen: Vom Tagwerkmodus des Erledigens kann ich nicht in die Verfassung des Träumens umschalten. Umgehrt kann ich auch nicht aus der Verfassung des Träumens heraus den unerledigten Tages-Verpflichtungen nachkommen.

Die Natur des Seelischen nimmt uns dieses „Umschalten“ in Form eines Zufalls regelmäßig ab: Sprachlich heißt es ja auch: Wir fallen in den Schlaf oder Umstürzendes fällt uns ganz plötzlich ein. Und wenn wir mitten im Labormodus aufs Fertigbringen des Ganzen schalten sollten, stellen wir plötzlich fest, dass es sich schon von selbst erledigt hat. Irgendwie hat das Ganze den Hebel selbst umgelegt. Die Kontrolle über dieses Hin-und Her besitzen wir nicht und es fällt uns nicht leicht, das hinzunehmen. Deshalb versuchen wir dem Zufall, dem wir in jeder Art von Entwicklung ausgesetzt sind, etwas Kontrollierendes entgegenzusetzen. Und genau dabei verwickeln wir uns in die aufwendigsten Systeme und Zwänge hinein, leider!

Das Dilemma und die „psychodoxe“ Lösung

Es gibt aber auch eine andere Möglichkeit mit dem besagten Problem umzugehen: Wir könnten den korrigierenden Zufall doch zur eigenen Sache machen, gleichsam nachschaffend – also nachdem der Zufall zugeschlagen hat. Wie kann das gehen? Wir setzen ihm eine tätige Reaktion entgegen, und zwar eine, die in ihren Folgen „Ja“ sagt zu dem Schubs, den der Zufall uns gegeben hat. Im Neuen schaffen wir das unerwünscht Geschehene um – und hier zählt immer nur das tatsächliche Ergebnis! Das Neugeschaffene gibt dem Vorangegangenen seinen, es nunmer bejahen könnenden, Sinn. Wenn sich eine solche Einstellung in unserer Kultur durchsetzen könnte, würde das weitreichende Folgen haben: Die Dinge um uns herum würden aus den vorgegebenen Schematisierungen fallen und bereitstehen, ihr „eigenes“ Gleichnis zu erzählen. Unsere Wirklichkeit würde dabei reicher werden, und die Angst vor einem Kontrollverlust unser Lebensgefühl nicht mehr dominieren. Unser Lebendigkeit würde zunehmen und sich vielfach dabei vertiefen.

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