Macht und Ohnmacht in einer totalen Institution

Sich außerhalb der Regeln stellen verleiht Macht. Und je mehr das von der anderen Seite übersehen oder auch nur heruntergespielt wird, umso größer und gefährlicher wird sie. Eine Morddrohung, die von einem Gefangenen gegen einen Bediensteten ausgesprochen wird, führt zu einer unerträglichen Zuspitzung und einer berührenden Wende.

Eine unheimliche Konfrontation
Gerhard Heinz

Die Inhaftierung von Straftätern und das Leben im Gefängnis findet abgetrennt vom normalen Leben statt und der normale Bürger kommt nur sehr selten damit in Berührung. Die Menschen, die aber im Strafvollzug arbeiten z.B. als Aufsichtsführende oder als Fachleute mit sozialen oder psychologischen Aufgaben, müssen mit dieser besonderen Herausforderung täglich umgehen. Wie schaffen sie das? Sie müssten eine zwiespältige Gefühlslage durchgehend aushalten können, wollten sie immer in vollem Kontakt mit den Zweischneidigkeiten des Strafvollzugs sein. Die Gesellschaft im Ganzen hilft sich ja durch eine Trennung von Inhaftierung und Freiheit. Der normale Alltag kann so von der lebendigen Existenz des Kriminellen unberührt bleiben. Aber auch unter den Bediensteten gibt es eine Methode, die mit einer Auftrennung arbeitet. Es ist eine ideologisierende Form, mit den Herausforderungen umzugehen: Der Betreffende teilt die Anstaltsrealität für sich in zwei Bereiche ein: Es gibt dann die progressiven Kräfte auf der einen Seite und die reaktionären Kräfte auf der anderen. Mit einigem Aufwand und in vieler Hinsicht aufopferungsvoll setzt sich die progressive Seite für eine menschenwürdigere Behandlungsweise der Gefangenen ein und kämpft gegen deren bloße Verwahrung, welche einen Fortschritt in Richtung menschlicherer Behandlung behindert oder gar unterbinden will. Ein solches Engagement „erlaubt“ es, auf der einen Seite die beklagte Unterdrückung der Gefangenen mitzumachen, denn der Betreffende muss sich ja den oft risikovermeidenden Weisungen der Institutionshirachie fügen. Auf der anderen Seite ermöglicht der für den Inhaftierten menschliche Einsatz jedoch, sich von einer direkten Schuld an der die Menschen verletzende Strafvollstreckung freizumachen. Dies gelingt eben dadurch, dass er sich entschieden mit einer progressiven Haltung auf einen Kampf gegen den aus dem alten Historienbild von Gefängnis resultierenden rein repressiven Behandlungsstil einlässt.

In den ersten Jahren meiner Arbeit im Gefängnis habe ich auf eine ähnliche Weise versucht, die gefühlsmäßigen Herausforderungen in den Griff zu bekommen. Eine solche Lösungsform hat aber, in Bezug auf die Behandlung der Gefangenen, leider auch ein ganz besonderes Problem. Der typische Gefängnisinsasse erkennt nämlich die Gefühlslage des für eine Menschlichkeit kämpfenden Helfers sofort. Er erkennt das grundlegende Gefühl der Schwäche dahinter und verachtet möglicherweise sogar die mit kämpferischem Aufwand geleisteten letztendlichen Misserfolge des Bediensteten. Womöglich erkennt er sogar darin eine hilflose Ablenkung des Betroffenen von der besagten Schwäche, zu welcher der Bedienstete nicht einfach stehen kann. Ich denke heute, dass der solcherart wahrnehmende Gefangene sich wie jemand fühlt, der die Achillesferse des verstrickten Helfers kennt und dieses Wissen gegebenenfalls zu seinem eigenen Nutzen verwenden kann.

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