Erzieher als Rattenfänger?

Der Sage nach wurde in der Stadt Hameln ein Flötenspieler engagiert, um eine Rattenplage zu beseitigen. Die Hameler wollten in ihm nur den Entsorger sehen. In ganz ähnliche Verhältnisse kann auch der Erzieher im Aufgabenfeld einer Kita geraten. Die Einladung und der Wunsch, an den Entgrenzungen der kindlichen Unbeschwertheit unmittelbar teilhaben zu können, bringen ihn in eine Situation in der das Begrenzen als Thema übermächtig wird. Kreative Ideen, wie das Aufräumen mit einem Singen zu verbinden, geraten schnell in den Verdacht, dem erzieherischen Auftrag nicht gerecht zu werden. Allzuvieles, was andrängt, muss ausgeklammert werden. An anderer Stelle meldet es sich dann aber ungefragt wieder zurück. So steigt das Potenzial des Unerwünschten. Der Erzieher sieht sich so zunehmend als jemand, der nur dazu da ist, das Störende zu beseitigen. Wie der Rattenfänger von Hameln, weiß er sich nicht in seinen Möglichkeiten gesehen und gewertschätzt. Der folgende Beitrag macht diese Zusammenhänge am Beispiel einer psychologisch begleiteten Führung einer Kitagruppe sichtbar.

Erfahrungen zur Arbeit und zur Haltung in einer Kitagruppe
Claudia Fiedler (Redaktion: Markus Buschkotte, Werner Mikus)

Seite 4

Und manchmal bin ich ganz eindeutig auch als ein „böser“ Rattenfänger unterwegs. Dann sieht die Situation wie folgt aus: Ich sehe mich, meinen Blick nicht auf das Kind gerichtet, sondern voranführend, singend und die Kinder folgen mir auf ähnlich magische Weise, wie die Ratten, und ich habe für den Moment das Gefühl, alles im Griff zu haben. Ich halte an meinen Strukturen fest, als ob mein Schiff sonst untergehen würde. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Ratten, respektive die Kinder, das Schiff verlassen wollen. Und ich sitze da, nicht erfüllt und glücklich über der Kinder Treiben, sondern frustriert und erschöpft, weil ich vor lauter „alles-im-Griff-haben-Wollen“ angespannt und wütend bin. Mein Konzept ist nicht abgearbeitet, der pädagogische Bildungsauftrag nicht erfüllt. Eltern wollen gefüllte Portfolio-Mappen sehen, weil es dokumentiert, dass im Kindergarten auch mit den Kindern gearbeitet wird. Die Kindergartenleitung fragt nach, warum wir es wieder nicht geschafft haben, mit den Kindern hinaus zu gehen. Mit einem schreienden Kind auf dem Arm, möchte ich dem gleich tun und frage mich stattdessen, an welcher Stelle ich meinen Anspruch an meine Arbeit verloren habe.

Dann verändert sich mein bunter Mantel in die Jägergestalt, weil ich mich, bei so viel Verantwortung, nicht nur unterbezahlt fühle, sondern weil ich schlicht und ergreifend niemandem gerecht werden kann und, in meinem Empfinden, versagt habe. Ich fange an, die Kinder anzubrüllen, sie grob anzufassen und werde ungerecht. Denn, wenn meine Arbeitsleistung nicht gewürdigt wird, kommt in mir wie im Rattenfänger der Impuls auf, die Kinder zwar nicht auf Nimmerwiedersehen in einen Berg zu führen, sie aber vom Erziehungsauftrag abzukoppeln und hinter formalisierenden Techniken verschwinden zu lassen. Ich fühle mich nicht „gut“ dabei. Das ist auf keinen Fall der „richtige“ Weg. So mag ich mich nicht, ich vertraue mir nicht und stelle dann auch mein Können in Frage. Wie frei muss ich sein, um einerseits dem Konzept zu entsprechen und anderseits mit mir zufrieden zu sein? Wie schaffe ich es, zu verführen, ohne dass ich am Ende dann die Wütende werde?

Deshalb habe ich nach einem alternativen Bild gesucht, was besonders die mütterlichen Züge in der gesuchten Haltung sicherstellen würde. Bei diesen Überlegungen fiel mir das Kinderbuch über „die Wurzelkinder“ von Sibylle v. Olfers ein. Ein kleines Buch in Reimform aus dem Jahr 1907. Interessanterweise wird die „Mutter“, hier als Mutter-Erde, nur zwei Mal erwähnt. Im Frühling lässt sie ihre Kinder hinaus in die Natur ziehen und empfängt sie im Herbst zur Winterruhe. Im Gegensatz zum Rattenfänger, der sich im Mittelpunkt sieht, ist Mutter-Erde nicht im Fokus und dennoch war mein erster Gedanke an die „Mutter“ direkt bei dieser Geschichte. Nicht im Zentrum und dennoch präsent. Sie hat die Kinder nicht im Griff, wie es der Rattenfänger hat. Verkrampft, verbissen ja fanatisch ist der Rattenfänger darauf aus, sich zu rächen.

Mutter-Erde hat all ihre Kinder im Blick und weiß genau, wer welche Aufgabe hat und wo sich die Kinder aufhalten, ohne wütend darüber zu sein, dass vielleicht eines ihrer Sprösslinge aus der Reihe tanzen könnte. Mutter-Erde begegnet dem mit Güte und Toleranz, quasi einer Art Gelassenheit. Sie hat Vertrauen in ihre Kinder, weil sie um die Kompetenzen einerseits weiß und andererseits, sollten die Zöglinge Fehler machen, dass Lernen daraus resultiert. Sie ist da, vermittelt Geborgenheit.

Und was heißt „gut“ machen? Was bedeutet es für die Haltung in der Gruppe? Der Leistungsanspruch von außen lautet: Bildungsauftrag erfüllen, Elternwünsche entsprechen, Kinderseelen pflegen und Teamgeist besitzen. Wenn man all dem entsprechen will, ist hier Unzufriedenheit vorprogrammiert. „Gut“ im Sinne von „richtig“ eine Gruppe führen geht nur, wenn derjenige zufrieden ist, der auch in der Lage ist, Zufriedenheit für sich selbst zu schaffen. Das bedeutet, weniger verkrampft zu sein, sich nicht ständig selbst im Blick zu haben und sich selbst nicht so wichtig nehmen, sondern mehr den eigenen Blick von sich auf die Umwelt und die Schwächen der anderen zu lenken und wahrzunehmen.

Bildquellen

Schreibe einen Kommentar