Erzieher als Rattenfänger?

Der Sage nach wurde in der Stadt Hameln ein Flötenspieler engagiert, um eine Rattenplage zu beseitigen. Die Hameler wollten in ihm nur den Entsorger sehen. In ganz ähnliche Verhältnisse kann auch der Erzieher im Aufgabenfeld einer Kita geraten. Die Einladung und der Wunsch, an den Entgrenzungen der kindlichen Unbeschwertheit unmittelbar teilhaben zu können, bringen ihn in eine Situation in der das Begrenzen als Thema übermächtig wird. Kreative Ideen, wie das Aufräumen mit einem Singen zu verbinden, geraten schnell in den Verdacht, dem erzieherischen Auftrag nicht gerecht zu werden. Allzuvieles, was andrängt, muss ausgeklammert werden. An anderer Stelle meldet es sich dann aber ungefragt wieder zurück. So steigt das Potenzial des Unerwünschten. Der Erzieher sieht sich so zunehmend als jemand, der nur dazu da ist, das Störende zu beseitigen. Wie der Rattenfänger von Hameln, weiß er sich nicht in seinen Möglichkeiten gesehen und gewertschätzt. Der folgende Beitrag macht diese Zusammenhänge am Beispiel einer psychologisch begleiteten Führung einer Kitagruppe sichtbar.

Erfahrungen zur Arbeit und zur Haltung in einer Kitagruppe
Claudia Fiedler (Redaktion: Markus Buschkotte, Werner Mikus)

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Dass ich nicht jedem gerecht werden kann, ist mir bewusst. Es kann jemanden gefallen, was ich schaffe, genauso kann es jemanden missfallen. Ich nehme mir zum Ziel, vor allem mit mir selbst zufrieden zu sein. Die Bewertung der anderen ist eine Verführung für mich. Es gibt so viele Perspektiven auf die Arbeit, dass es immer ein „Richtig“ und ein „Falsch“ gibt. Wichtig ist es, etwas zu tun und dass ich, ohne es mir zu leicht zu machen, selbst damit zufrieden sein kann. Nietzsche sagte einmal: „Ich wollte, man finge damit an, sich selbst zu achten: alles andere folgt daraus.“ (Wie man wird, was man ist, 355, Nietzsche). Ich nehme mir also vor, mutig genug zu sein, bei meiner Erfüllung der Aufgaben hier, und mich selbst zu mögen und mir selbst zu vertrauen.

Das klingt im ersten Moment einfach. Jedoch bin ich mein schärfster Kritiker und stelle mich oft mir in den eigenen Weg. Im Märchen von Rapunzel finden wir das Bild der Wüstenei, in der Rapunzel zwei Kinder bekommt und versorgen muss. Die Wüstenei hat für mich einen besonderen Charme, da es dort keine Wege gibt, kann ich mich auch nicht gegen mich selbst in diese stellen. Das will ich für mich fruchtbar machen. „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.“ (Franz Kafka)

Wenn ich das Bild des Rattenfängers betrachte und dieses auf die Frage nach der angemessenen Haltung in der Gruppe anwende, kommt mir die Überlegung, ob nicht in dem Bild des mitreißenden Rattenfängers auch positive Aspekte mit enthalten sind. Das Bild steht für mich zunächst einmal für ein unbefriedigendes Arbeiten, das nicht erzieherisch und individuell auf die Kinder eingeht. Das Rattenfängerbild steht einerseits für das programmhafte Arbeiten bzw. für das einfache Erledigen von Problemen, wenn den Kindern z.B. die Lust am Aufräumen fehlt und dem nicht folgen wollen. Der Rattenfänger scheint aber auch positive Seiten zu haben, wird doch über das Singen auch eine Beziehung hergestellt. Das Singen bindet die Kinder in eine Sache ein, die allen am Ende Spaß macht. Vielleicht ist das Rattenfängerische am Ende vielleicht sogar liebenswert und der Rattenfänger rächt sich in der Sage genau deshalb, weil man seine Kunst eben nicht zu lieben wusste, sondern darin nur ein nützliches Erledigen sehen wollte.

Was für eine Herausforderung! – Ich will mit den Problemen, die in dieser Art von Arbeit wahrscheinlich jedem begegnen werden, in Kontakt treten. Das bedeutet, dass ich die Herausforderung auch wie ein Konflikt an mich heranlassen will (kann ich das Rattenfängerische, das sich mir als erstes, organisierendes Prinzip in meinem eigenen Tun gezeigt hatte, neben meinen Vorbehalt vielleicht auch lieben lernen). Das lässt mich an die Öde der Wüstenei denken. Ich will etwas daraus machen und in einen engeren Kontakt mit der besonderen Herausforderung kommen (also auch mit dem, was mir Bedenken macht).

Als Gruppenleitung komme ich mir tatsächlich vor wie ein Rattenfänger, von seinen Künsten und seinem Auftrag her. Mir werden die Kinder anvertraut. Und ich verführe sie mit meiner pädagogischen Zaubermusik. Ich möchte die Kinder auf meine Wege führen, damit ich auf meine Art und Weise einen Bezug zu den Kindern aufbauen kann. Für jeden Anlass fällt mir ein Lied ein, beim Aufräumen, beim Ballspiel, beim Malen, Es entsteht eine angenehme Stimmung und ich fühle mich „gut“ dabei. Die Kinder reagieren mal mehr, mal weniger darauf. Und manchmal, wenn ich zu einem anderen Zeitpunkt ein Kind dann das Lied singen höre, erfüllt es mich mit Freude. Da hat meine Verführungskunst Früchte getragen.

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