Magisches Denken heizt Pandemiegeschehen an

Treibt die Pandemie uns in ein magisches Denken hinein? Oder weist das Geschehen auf eine bestimmte, dem Menschen typische Anfälligkeit hin? Geht es hierbei vielleicht um die Erfahrung einer Hilflosigkeit einer außermenschlichen Intelligenz gegenüber, die uns angreift und ihre Interessen offenbar sehr erfolgreich durchzusetzen versteht? So lässt sich das pandemische Geschehen jedenfalls auch beschreiben.

Corona und das fehlende Bild
Werner Mikus

Vampire, wie es die Legende sagt, befallen uns, sie drehen uns um und machen uns ebenfalls zu solchen, wenn Sie uns gebissen und unser Blut gesaugt und dieses mit dem Ihrigen infiziert haben. Wir können andere dann auch anstecken und diese, ob wir es wollen oder nicht, ebenfalls zu Opfern und Gefolgsleuten machen. Die klassischen Vampirfilme bieten einen interessanten Stoff, unsere Ängste mit der Pandemie und dem Corona-Virus einmal kritisch in den Blick zu nehmen.

Sollten wir das Szenario einer vampirbedrohten Welt zur Grundlage nehmen, dann müsste es in dem Pandemiegeschehen eigentlich darum gehen, zunächst einmal auf eine magische Weise mit der Bedrohung umzugehen. Und schon denke ich an die vielen Versuche der Beschwörung des uns Heimsuchenden. Dabei geht es (analog zum Einsatz von Knoblauch-, Tageslicht- und Kreuzen in Vampirfilmen) darum, eine beruhigende Uminterpretation der Verhältnisse hinzukriegen, so wie es in der be- und verschwörungstheoretischen Szene von heute geleistet wird. Neben diesem, um Beruhigung bemühten Verschieben und Kleinreden einer Bedrohung, finden wir aber auch noch eine ganz andere Vorstellung, mit der Problemlage umzugehen. Diese geht ebenfalls auf ein Verstehen nach dem Vorbild des Vampirfilms zurück: Gemeint ist die Überzeugung davon, dass zur Lösung der Probleme am Ende nur eine ebenso hinterhältige wie auch archaische Lösung die Befreiung bringen kann: Man müsse dem Ungeheuer, wenn es schläft, einen Pflock mitten ins Herz hineintreiben, kurz: die einzige Lösung sei die Pflock- oder Lockdown Methode.

Jetzt verlassen wir einmal das Bild von der Bedrohung durch Vampire und werfen einen anderen Blick auf die Problemlage: Die Viren sind keine Individuen, die wir bekämpfen. Sie sind eine Einheit in ihrem Wirken und nicht die Summe einzelner Wirkungsmöglichkeiten. So wie eine Ameisenpopulation einem Staat dient, ohne dass jedes einzelne Wesen davon den geringsten Schimmer hat, so existiert jedes einzelne Virussubjekt auch nicht als ein Subjekt, dem man durch einen „Schuss vor den Bug“ eine Botschaft „eins zu eins“ mit in das Systemganze geben könnte. Die Mutationen werden nämlich nicht von der Beschaffenheit des Existenzortes allein und auch nicht rein zufällig bestimmt, sie folgen offenbar Algorithmen, die um die Natur der Wirtszellen um einiges besser Bescheid wissen, als wir es von der aktuellen Wissenschaft erwarten können.

Der Mensch greift gerne immer dann, wenn er überfordert ist, auf die Angebote magischer Lösungen zurück. Auch die Pandemiebekämpfung bleibt davon nicht verschont. Und so leiden wir inmitten einer ernsten Lage zusätzlich unter der Herausforderung einer aufwendigen Auseinandersetzung mit einer Verarbeitungsweise magische Art. Vielleicht – und darum können wir uns nicht genug bemühen – lernen wir aber gerade daraus etwas. Und möglicherweise finden wir auf diesem Wege bald auch das fehlende Bild zu der Herausforderung, in der wir uns alle befinden und bewehren müssen.

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