Macht und Ohnmacht in einer totalen Institution

Sich außerhalb der Regeln stellen verleiht Macht. Und je mehr das von der anderen Seite übersehen oder auch nur heruntergespielt wird, umso größer und gefährlicher wird sie. Eine Morddrohung, die von einem Gefangenen gegen einen Bediensteten ausgesprochen wird, führt zu einer unerträglichen Zuspitzung und einer berührenden Wende.

Eine unheimliche Konfrontation
Gerhard Heinz

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Die Institution kann mir nicht helfen

Die Geheimkonferenz fand dann in der folgenden Woche statt. Teilnehmer waren Mitarbeiter, die Zickelmann kannten. Wie konnte ich geschützt werden? Wie konnte die Justizvollzugsanstalt mir helfen? Einige KollegInnen meinten, er müsse sofort in eine andere Anstalt verlegt werden. So eine „Gemeinheit“ dürfe man sich hier nicht bieten lassen. Dass man dies sich nicht bieten lassen dürfe, war auch meine Meinung, aber seine „sofortige Verlegung“ in eine andere geschlossene Anstalt wäre keine Lösung, dachte ich. Dann wäre ich ja erst recht in seiner Schusslinie. Zickelmann käme nicht in den offenen Vollzug und ich hätte die Schuld. Was würde geschehen, wenn er schließlich entlassen würde? Zickelmann hatte ein gutes Gedächtnis. Und wenn ich einfach nicht mehr zum Dienst ginge? Auch das wäre keine Lösung: Man würde mir schnell kündigen, bekam ich zu hören. Ich würde ja schließlich dafür bezahlt, dass ich meine Arbeit mache. Und meine monatliche „Gitterzulage“ sei ja fürs Risiko, wurde mir erklärt. Ich wurde wütend, weil mir offenbar niemand aus der Not helfen konnte. Die Geheimkonferenz endete schließlich mit der Beschwichtigung, die erneute Prüfung für den offenen Vollzug sei erst in vier Monaten und bis dahin würde mir schon nichts passieren. Die Entscheidung über den offenen Vollzug sei schließlich nicht die Entscheidung einer einzelnen Person, sondern Konferenzbeschluss. Dies müsse man Zickelmann zu verstehen geben.

Die Geheimkonferenz konnte meine Probleme also auch nicht lösen. Ich fühlte mich von der Institution im Stich gelassen. Es blieb also noch eine ‘Gnadenfrist’. Ich musste plötzlich an einige ‘gefängnisferne’ Berufskollegen denken, die schon mal warnend Bedenken zu meiner Arbeit im Gefängnis geäußert hatten: „Dir wird da noch mal was passieren.“ Ich hatte dagegen eingewendet, dass ich dort sicher genug sei und dass sie doch nichts von diesem Metier verstehen. Nun schien deren Ahnung plötzlich harte Wirklichkeit zu werden.

Lähmung

Die nächsten Wochen zogen vorüber. Zickelmann traf ich einige Male auf den Gängen der Anstalt. Er war gleichbleibend freundlich. Ich beruhigte mich wieder. Dabei half mir die Anteilnahme, die mir einige meiner engeren ArbeitskollegInnen für meine besondere Lage entgegenbrachten. Und weiter vergingen die Wochen. Die Prüfung von Zickelmanns Antrag für den offenen Vollzug stand bevor. Ich hatte die Ereignisse von damals fast schon vergessen. Da klopfte es an meiner Bürotür und jener Gefangene, der mir seinerzeit die Warnung überbracht hatte, stand wieder im Türrahmen. „Ob er mich mal dringend sprechen könne?“ Ja, natürlich. Ich war irritiert. Ich erfuhr nun von ihm wieder das Gleiche wie damals. Es wäre jetzt allerdings noch ernster. Wenn Zickelmann nicht in den offenen Vollzug käme, ginge seine „Ehe kaputt“. Zickelmann hatte vor kurzem in der Haftanstalt wieder geheiratet – seine dritte Ehe. Also wenn er nicht bald in den offenen Vollzug käme, ginge auch er „selbst kaputt“ und ich sei der Verursacher und damit der Schuldige. „Kaputt gehen“ wolle er jedoch nicht alleine und mich deswegen mitnehmen. Er wolle mich „abstechen wie ein Schwein“. Oder mir „sechs Kugeln“ in den Kopf „jagen“.

In mir tauchte gleich einem feixenden Teufel die Vision meines möglichen Untergangs auf. Panik breitete sich in mir aus. Zickelmann hatte in den letzten vier Monaten nichts vergessen. Wie es jedoch aussah, würde er nicht in den offenen Vollzug kommen und die Institution konnte mich nicht schützen. „Das gibt’s doch nicht!“ rief es in mir. Meine jetzige Not übertraf meine damalige bei weitem. In den nächsten Tagen lief ich entsprechend verunsichert durchs Haus. Aber nicht nur tagsüber, auch in der Nacht war ich unruhig. Ich hatte Schlafstörungen. An einem Abend sprach ich mit einem befreundeten Berufskollegen über mein Problem.

Wo war ich da bloß reingeraten? War Zickelmanns Drohung nur eine penetrante Mordphantasie oder verbarg sich etwas anderes dahinter? Dieser Mensch setzte mich gehörig unter Druck. Wie wäre es, wenn ich mich seiner Erpressung stellen würde? Vielleicht war überhaupt alles nur deswegen so gefährlich, weil ich das Spiel mit der versteckten Drohung bisher hauptsächlich doch nach seinen Regeln mitgespielt hatte?

Jetzt gibt es kein Zurück mehr

Der nächste Morgen kam und ich hatte meine Entscheidung getroffen: Ich wollte mit Zickelmann reden – und ihm meinen Hals hinhalten. Es sollte offen heraus, welche Drohung er gegen mich ins ‘Spiel’ brachte und dass ich nicht bereit war, hier meine Position aufzugeben. Mir war klar geworden, welche Macht er bereits gewonnen hatte. Aber wie konnte ich wissen, ob er mit seiner Anschlagsdrohung ernst machte oder nicht? Die Wahrscheinlichkeit, das Unwahrscheinliche tatsächlich zu tun, war seine Stärke und es war mein Problem, diese Stärke und meine eigene Unterlegenheit ihm gegenüber nicht sehen und akzeptieren zu wollen. Ich wollte mich jetzt dieser Wirklichkeit stellen und mich mit ihm darüber auseinandersetzen, in der Hoffnung, dass sich die Situation dadurch verändern könnte.

Mit Herzklopfen fuhr ich in die Justizvollzugsanstalt. Ich hatte große Angst. In der Anstalt weihte ich einige ArbeitskollegInnen in mein Vorhaben ein. Es sei risikoreich, sagten sie, aber es könnte gelingen. Keiner riet mir zu, aber auch keiner riet mir ab. Ich war in dieser Sache ganz auf mich alleine gestellt. Einem Beamten vom Aufsichtsdienst sagte ich, mit Zickelmann hätte ich etwas zu klären, „er wüsste schon“, wegen der Morddrohung. Er möchte doch in der Nähe bleiben und wenn ihm etwas verdächtig erschiene, solle er einschreiten. Der Beamte sagte mir seine Hilfe zu. Zickelmann stand zu diesem Zeitpunkt auf dem langen Gang seiner Abteilung. Gefangene und Anstaltspersonal gingen an ihm vorüber. Ich ging auf ihn zu, holte tief Luft, schaute ihn ganz böse an und sagte: „Auf Sie bin ich stocksauer! Was wollen Sie? – Mich umbringen?“ Zickelmann wurde blass. Er stammelte: „Doch nicht hier, wo all die Leute…“ Wir gingen dann beide in einen nahegelegenen Konferenzraum. Jetzt war ich mit ihm alleine und er mit mir. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich sagte ihm alles ins Gesicht, was ich von seinem Vorhaben wusste. Dass er mir „die Schrote“ durchschneiden wolle und dass er mich „abstechen wolle wie ein Schwein“. Dann sagte ich mit großer Entschiedenheit: „Herr Zickelmann, ich bin genauso ein armes Würstchen wie Sie. Natürlich können Sie mich umbringen. Worauf warten Sie noch? Los Mensch, dann tun Sie’s doch!“

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